Alt und Neu – Ergänzung oder Konkurrenz?

29.09.2018

SPR

Aus Alt macht Neu , das klappt nur in den seltensten Fällen. Viel sinnvoller wäre es, das Alte mit dem Neuen zu ergänzen. Aber ist das wirklich so einfach?

Nehmen wir als Beispiel den Verein "A". Er existierte seit, sagen wir mal, 50 Jahren. Der Vorstand war seit Jahrzehnten immer der Gleiche. Genauso, wie das gesamte Vereinsleben. Der Vorsitzende "X" behauptete: "Dem Verein geht es gut. Unsere Mitgliederzahl ist hoch. Die Beiträge tragen uns. Es ist alles Bestens."

Was "X" nicht sagte, war Folgendes: Die Mitgliederzahl stagnierte seit über 20 Jahren. Nachwuchs meldete sich nur noch sporadisch an, und war meist der Nachwuchs bereits vorhandener Mitglieder. Das Mitgliedsalter betrug im Durchschnitt 63,7 Jahre. Die Beiträge trugen den Verein, weil er nicht investierte. Auch nicht in seine Zukunft. Es war also alles Bestens. Jetzt, genauso wie immer schon, und dabei spielte es auch keine Rolle dass viele Menschen mit dem alten Verein unzufrieden waren....weil es ja niemand gesagt haben wollte. Warum etwas verändern, was sich über Jahrzehnte bewährt hat? Es wird schon irgendwie weitergehen.

Und dann gab es noch Johann. Er war mal für kurze Zeit Mitglied dort im Verein A. Wollte dem Verein neues Leben einhauchen und wurde gnadenlos abgeschmettert. Es war ja alles Bestens. Johann trat also wieder aus und gründete einen neuen Verein. Wir nennen ihn einfach "N". Sein Verein sollte aktuell sein und auch die neuen Medien nutzen um die jüngere Generation anzusprechen.

Und er hatte die Hoffnung mit anderen Vereinen zusammenarbeiten zu können, denn er bot ihnen neue und andere Möglichkeiten. Seine Mitgliederzahl wuchs. Und doch wusste "N" nicht, woran er war. Er bekam nur sehr selten Rückmeldung darüber, ob er auf dem richtigen Weg war und hatte das Gefühl, trotz der steigenden Zahlen nicht in den Köpfen der Menschen angekommen zu sein. "N" investierte eigenes Geld in Technik, Werbung und Anzeigen und ging auf die Menschen zu, doch das wurde von den Alteingessenen nur selten überhaupt mal angenommen.

Eines Tages traf er "X". Johann schlug ihm vor sich zusammenzutun. Das "alte Know How" mit dem "Neuen" zu vermischen hielt er persönlich für die ideale Ergänzung. So könnten beide Vereine am Leben bleiben.

Doch "X" lachte ihn aus. "Wir waren immer schon hier. Uns kennt man. Und wir werden nicht zulassen, dass du genauso bekannt wirst. Dich braucht keiner." Dann drehte er sich um, und ging ohne Gruß davon. Jetzt dämmerte Johann, weshalb seine Anzeigen nur selten erschienen. "Und dennoch", fragte er sich. "Das ist doch nur ein Geschäft. Warum sollte man das einfach sausen lassen? Aus Freundschaft? Oder ist es Angst davor, vom "Alten" gemieden zu werden?" Er bat seine Mitglieder um Unterstützung, doch sehr bald musste er feststellen, dass fast jede Unterstützung nur hinter vorgehaltener Hand gewährt wurde.

Bloß nicht öffentlich bekannt werden lassen.

Johann kämpfte um seinen Verein, doch immer öfter hörte er nur: "Tut mir leid. Der neue Verein ist noch nicht so geläufig. Ich habe nicht daran gedacht." Der Verein "A" profitierte davon, und "X" freute sich, dass das "Alte" doch immer noch zusammenhält. Und immer öfter stellte sich Johann die Frage: "Wenn keiner uns kennt, woher stammen dann die hohen Mitgliederzahlen?"

Und immer öfter, wenn er die Zeitung aufschlug, und einen Bericht über "Verein A" las, wurde ihm auch bewusst, dass sein "Verein N" für die gleiche oder, wie viele Mitglieder behaupteten, noch bessere Leistung keine Erwähnung finden würde. Seine Hoffnung auf Ergänzung von Alt und Neu war gründlich zerstört, denn "Alt" sah in ihm keine Ergänzung, sondern nur Konkurrenz.

Johann verlor die Lust an seinem Verein. Und obwohl er genau wusste, dass "das Alte" über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden würde, denn Altes wird nun mal nicht jünger, überlegte er seinen Verein zu schließen.

Doch es gab eine paar Menschen, die ihn von Anfang an unterstützt hatten, und er wollte sie nicht enttäuschen. Und eigentlich machte ihm das ja auch alles Spaß. Also hielt er seinen Verein trotz aller Bedenken weiterhin am Leben.

Doch wie lange noch, dass weiß nur Johann. Denn sein Traum von einem Nebeneinander, von Alt und Neu auf Augenhöhe.....der ist schon lange ausgeträumt, und die Lust ist ihm schon längere Zeit vergangen.

Denn wenn das "Alte Denken" sich nicht ändert, haben "Neue Gedanken" keine echte Chance.

© SL-Süd-Online 2018