Depression - eine wahre Geschichte vom Leiden im Verborgenen

30.07.2018

TPH

Keine Lust irgendwas zu tun, Müdigkeit, Ausgebrannt sein und sich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen wollen. Mit diesen harmlosen Symptomen hat jeder Mensch dann und wann mal zu kämpfen. Meistens geht's dann nach einigen Tagen wieder besser. Wenn es einige Wochen oder auch mal 1-2 Monate andauert, ist oftmals "nur" eine psychische Erschöpfung, neuerdings "Burn Out" genannt, die Ursache und diese ist heutzutage sehr gut behandel- und auch heilbar.

Bei Depressionen dagegen kommen noch weitere Symptome mit zum Teil sehr weitreichenden Folgen für die Lebensqualität der Betroffenen und vor allem auch für deren Angehörigen zu tragen. Das kann mitunter sogar bis zur Erwerbsunfähigkeit führen, und unterschiedlichste Ursachen haben.....

Holger S. (Name geändert) erwischte es mit gerade einmal 35 Jahren zum ersten Mal. Heute, nach 20 Jahren Leidenszeit, lebt Holger von einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente, mit der er sich gerade so über Wasser halten kann. Holger hatte in seiner Jugend Abi mit der Note 1,3 gemacht. Mit einer anschließenden Handwerkslehre sowie einer vielversprechende Laufbahn als Berufssoldat bei der Luftwaffe standen ihm viele Türen für eine wirtschaftliche Unabhängigkeit offen.

Mit 23 hat er geheiratet, und mit 27 sind er und seine damalige Frau in ihr eigenes Haus gezogen. Nein, es war kein Neubau und schon gar keine Luxusvilla, mitnichten. Es war ein heruntergekommenes und viele Jahre unbewohntes Siedlungshäuschen. Und trotz der Belastungen, die er und seine Frau beruflich hatten (Holger bei der Bundeswehr, seine Frau beim damaligen Bundesgrenzschutz) haben die Beiden das Haus damals in nur 4 Monaten komplett auf den Kopf gestellt und zogen ein.

Irgendwann musste Holger sich zwischen einer Laufbahn als Offizier oder Feldwebeldienstgrad entscheiden. Er entschied sich gegen den Offiziers-Dienstgrad......er war Anfang 30 und fühlte sich nach den Jahren, in denen es stetig bergauf ging, das erste Mal ausgebrannt. Das Abi, seine Handwerkslehre, die zahlreichen Lehrgänge bei der Bundeswehr, die Renovierung des Hauses und und und...hatten mehr an seinen Kräften gezehrt als es die Menschen in seinem Umfeld geahnt haben.

Natürlich hatte er damals darüber mit niemandem geredet, auch nicht mit seiner Frau. Auch weil er sich selbst nicht eingestehen wollte, dass ein "Kerl wie ein Baum" - der er damals war, doch nur begrenzte Kräfte hatte. Er wollte etwas in seinem Leben ändern, nicht mehr nur Triebwerke von Hubschraubern reparieren, nicht mehr nur an "kaltem Eisen herumschrauben."

Holger nahm 4 Wochen Urlaub und wechselte danach die Truppengattung, ging von Luftwaffe in den Sanitätsbereich, zu einem SAR-Kommando. Die Ausbildung zum Rettungs-Sanitäter beflügelte ihn ebenso wie die Hubschrauber-Einsätze im Großraum Hamburg. Er konnte Menschen helfen und war Teil einer tollen Gemeinschaft, eines tollen Teams auf einem Rettungs-Hubschrauber, bestehend aus dem Piloten, dem Bordmechaniker, dem Notarzt und ihm selbst. Gemeinsam halfen sie vielen Menschen in Notlagen und retteten Menschen das Leben.

Natürlich gab es Dramen, und natürlich sprachen sie nach Dienstschluss über die Erlebnisse des Tages und versuchten gemeinsam die Geschichten zu verarbeiten. Aber viele Bilder nahm Holger selbst mit in sein Bett. Es waren Träume von abgetrennten Gliedmaße,n die er gemeinsam mit dem Piloten und dem Bordmechaniker in der Nähe der Leitplanke suchte, während der Notarzt und die Besatzung eines RTW´s den verunglückten Motorradfahrer reanimierte. Es waren Träume von Unfallopfern, die vor Schmerzen nach ihrer Mutter riefen.

Es waren Träume von eine Frau, die weinend zusammenbrach als sie realisierte, dass Holger und der Notarzt die Reanimation an ihrem Mann beendeten weil diesem einfach nicht mehr zu helfen war. Die Frau war damals gerade mal 24. Es waren Träume von einer Mutter, deren Sohn von Holger und dem Bordmechaniker gemeinsam aus einem See gerettet wurde - und der trotz aller medizinischen Möglichkeiten am Ende der Maßnahmen dennoch verstarb.....der Junge wurde nur 9 Jahre alt.

Dennoch meldete Holger sich damals zu zwei Auslandseinsätzen um Menschen helfen zu können.

Danach hat Holger sich extremst verändert. Es fiel ihm schwer einen gemütlichen einen gemütlichen Grillabend mit Freunden, oder einen Kinobesuch mit seiner Frau genießen zu können. Er  fiel von einem dunklen Loch ins nächste, ließ immer weniger Menschen an das Innerste seiner Seele heran. Am Ende nicht mal mehr seine Frau. Er begann Texte und Gedichte zu schrieben um seine Erlebnisse zu verarbeiten und quittierte nach über 14 Jahren seinen Dienst. Von einem Tag zum anderen.

Er hatte keine Kraft mehr anderen Menschen etwas vor zu machen, er hatte keine Kraft die Erwartungshaltung seines Umfeldes erfüllen zu können. Er hatte keine Kraft mehr das Bild vom "Kerl wie ein Baum" der alles schafft, aufrecht zu erhalten.

Zeitsprung...

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Diese Jahre waren geprägt von schweren Depressionen, von Scheidung, Hausverkauf und weiteren gescheiterten Beziehungen. Sie waren geprägt von mehreren Rehamaßnahmen um seine Depressionen zu besiegen. Sie waren geprägt von Verlusten von Freunden, die bis zum heutigen Tag nicht verstehen wollen/können, wie ein Mensch mit schwersten Depressionen tickt. Und Holger hat auch keine Lust mehr es diesen Menschen zu erklären, wie er eben tickt. Und wie ihm geht bis heute vielen ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr die in aller Welt im Einsatz waren und sind.

Zeitsprung.....

Vor einigen Jahren lernte Holger einen sehr lieben Menschen kennen. Sabine akzeptiert ihn wie er ist........ mit all seinen Gedanken und Gefühlen, die ja weiß Gott nicht nur negativ sind. Mit ihr hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Fern ab von der alten "Heimat". Fernab von damals selbsternannten "guten Freunden" und Familienangehörigen die sich nie wirklich bemüht haben, Holgers Gedankengänge zu verstehen. Und das obwohl Holger bis zum heutigen Tag das ist, was gemeinhin ein "offenes Buch" genannt wird.

Die Beiden haben sich inzwischen ein anderes Umfeld aufgebaut, mit anderen Menschen, mit "neuen" Bekanntschaften.

Das Wort "Freunde" vermeidet Holger inzwischen. Denn für wahre Freundschaft braucht es Zeit und vor allem sehr viel Verständnis für die Krankheit, die Holger und Sabine weiterhin begleitet und immer ein Bestandteil ihres gemeinsamen Lebens bleiben wird......so wie für andere Paare ein Rollstuhl oder andere Krankheiten die man den Betroffenen auf den ersten Blick ansieht.

"Ein Kerl wie ein Baum".....  aber viele Bäume sehen von Außen und für Unbeteiligte Menschen in der Tat stark und gesund aus....während ihre innere Schwäche sie beim kleinsten Windstoß umfallen lässt.....aber das lässt Holger sich bis heute nur gegenüber seinem engstem Umfeld anmerken.....

© Redaktion SL-Süd-Online 2018