Die richtige Wortwahl

17.10.2018

SPR

Vor einigen Jahren traf ich auf einer kleinen Feier Julia, eine junge Frau Mitte 30. Sie war richtig gut drauf und wir kamen ins Gespräch.

"Ich bin Managerin", erzählte sie mir lachend und sah mich erwartungsvoll an. Ich zögerte. Das war nicht gerade mein Lieblingsthema. "Ich bin Vollbluthausfrau und -Mutter"; meinte ich nur. Sie lachte noch lauter. Genau diese Reaktion hatte ich erwartet. Na klasse.

"Was hast du gelernt?" fragte sie. "Bankkauffrau. Habe ich aber für meine drei Kinder aufgegeben." "Hast du das gern getan?" "Ja. Wir konnten es uns leisten. Und den Kindern hat es gut getan. Es war immer jemand da, wenn sie einen brauchten. Aus ihnen sind anständige Menschen geworden, die ihren Weg gehen." "Bist du stolz darauf?" "Natürlich. Welche Mutter wäre das nicht?" "Warum klingst du dann so unzufrieden?" "Du hast gut reden. Managerin. Da bist du gut im Geschäft. Meine Kids sind jetzt erwachsen und außer Haus, und ich bekomme auf meine Bewerbungen nur Absagen. Zu alt oder zu lange aus dem Beruf. Klasse Gefühl."

Sie sah mich an und konnte sich kaum noch zurückhalten. "Findest du dein Verhalten nicht etwas unverschämt?" fragte ich sie. Sie sah mir lange in die Augen und fragte dann: "Hast du das Wort Managerin noch nie hinterfragt?" "Nein, warum auch. Was das ist weiß man doch." "Wirklich?"

Ich war irritiert. Was wollte sie damit sagen? "Es gibt viele Dinge und Worte, die einfach nach was richtig Großem klingen", erklärte sie mir. "Managerin - klingt echt gut, oder? Du warst für deine Kids zuhause und bezeichnest dich als Hausfrau und Mutter. Okay, warum nicht. Ich bin für meine Kids ebenfalls zu Hause. Ich habe auch meinen Beruf aufgegeben. Ich bezeichne mich aber als Managerin - Familienmanagerin, oder Managerin für Familie, Haushalt und Freizeit. Merkst du, wie verschiedene Worte den gleichen Sachverhalt anders klingen lassen?"

Ich war vollkommen verblüfft. Hausfrau - Familienmanagerin, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und obwohl wir beide diese Tätigkeit gern getan haben, klingt das eine eher negativ gegenüber dem anderen. "Wie bist du denn darauf gekommen?"

Sie fragte mich: "Liest du Zeitung oder hörst Nachrichten?" "Natürlich." "Ist dir aufgefallen, dass fast nie etwas Positives erzählt wird?" "Ja." "Nur Hausfrau und Mutter - das klingt in der heutigen Zeit bei diesem Leistungsdruck in dieser Welt für viele Menschen absolut negativ. Habe ich schon zu spüren bekommen. Bei dem Wort Managerin reagieren die Leute so wie du auch, mit Respekt und manchmal etwas neidisch. Den Rest wissen sie ja nicht, wenn sie nicht fragen. Und wer fragt heutzutage schon nach. Ich werde seitdem erheblich weniger dumm angemacht. Mir zeigt das, dass die Menschen um uns herum gern mal etwas Positives hören möchten. Rede nicht von einem 'Nebeneinander' der Menschen, sondern erzähle vom 'Miteinander'. Rede nicht von dem, was du tun MUSST, sondern erzähle von dem, wozu du LUST hast. Stöhne nicht über Druck und Stress, sondern freue dich über das, was du geschafft hast. Fange an Positiv zu denken, und zeige es den Menschen um dich herum. Sie werden dir dafür dankbar sein."

Ich habe es versucht. Es ist alles andere als leicht. Zu sehr hat sich das negative Denken schon in uns breit gemacht. Doch in den Momenten, in denen es mir gelungen war, haben es mir andere Menschen mit einem Lächeln gedankt. Und allein für dieses Lächeln hat sich die Mühe schon gelohnt.

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