Ein fiktives Interview

09.09.2018

SPR

Ich saß mitten in der Stadt vor einem Bäcker auf der Bank. Zeit für eine Tasse Kaffee. Da hörte ich neben mir Jemanden fragen: "Hast du auch einen Kaffee für mich?"

Ich drehte mich um. Neben mit stand ein Obdachloser. Er sah mich mit leuchtenden blauen Augen und einem Lächeln an. "Frank," sagte er nur kurz. Ich deutete ihm sich zu mir zu setzen. "Auch Hunger?" fragte ich ihn. "Immer", lächelte er. Ich bestellte ihm Kaffee und Brötchen. Als ich den Teller vor ihm hinstellte, wurde sein Blick kurz etwas misstrauisch. "Was willst du von mir?" fragte er leise.

Ich sah ihn an. "Mal abgesehen davon, dass du es warst der mich angesprochen hat - erzähl mir einfach von dir." "Warum sollte ich das tun?" "Warum hast du mich sonst angesprochen?"

Stumm sah er mich an. Dann lächelte er wieder. "Hat mich mein Gefühl doch nicht getäuscht. Du interessierst dich für Menschen. Du beobachtest nicht nur." "Ich interessiere mich für Menschen und sehe oft die Schicksale..... Was ist deines?"

Lange sah er mich einfach nur an, und ich wartete geduldig. Ich sah seine blauen Augen, die soviel Wärme ausstrahlten. Ich sah seinen Blick, aus dem Erfahrung, Schmerz und Geduld sprach. Ich beobachtete ihn, senkte meinen Blick nicht. Und dann fing er an zu erzählen:

"Ich bin - nein, ich war Ingenieur in einem gut gehenden Ingenieursbüro. Ich fand die große Liebe. Wir heirateten und bauten uns ein schönes luxuriöses Haus. Wir bekamen zwei Kinder. Ich hatte alles, was man sich so wünscht: Einen gutbezahlten Job, eine liebevolle Frau, zwei gut erzogene Kinder, ein großes Haus mit Garten und ein schnelles Auto. Jedes Jahr zweimal Urlaub, wer kann sich das sonst schon leisten. Aber eines habe ich übersehen - Auch wenn ich alles hatte, eines hatte ich nicht: ZEIT. Ich sah meine Kinder nicht aufwachsen, habe nicht bemerkt, dass meine Frau sich immer mehr von mir entfernte. Dann sollte ich berufsmäßig für ein paar Wochen ins Ausland. Mein Anwalt riet mir, aus Sicherheitsgründen meine Haushälfte auf die Kinder zu überschreiben. So wären sie abgesichert, wenn mir etwas passieren würde. Und ich tat es. Das Wohl meiner kleinen Familie ging mir über alles.

Als ich aus dem Ausland zurückkam, standen im Flur zwei Koffer. Meine Frau warf mich aus dem Haus. Und die Scheidung hatte sie auch schon eingereicht. Da die Kinder noch klein waren, blieb sie im Haus wohnen. Im Scheidungsverfahren zog ihr Anwalt mich ganz schön über den Tisch, und mein eigener Anwalt, ein guter Freund von mir, ließ alles zu. Ich zahlte weit über die Hälfte meines Einkommens als Unterhalt. Und das Haus, naja, Dummheit muss bestraft werden. Die Kinder blieben bei meiner Frau, ich hatte ja sowieso kaum Zeit für sie. Mittlerweile war ich in eine kleine 2-Zimmer-Wohnung gezogen. Das reichte mir, habe dort ja nur geschlafen. Alle 14 Tage durfte ich meine Kinder sehen. Sie haben sich bei mir immer beklagt, dass ihre Mutter sie mit Taschengeld so knapp hielt, also habe ich ihnen immer irgendwas gegeben. Mein Sohn wünschte sich ein komplettes Schlagzeug, meine Tochter ein Pferd, aber Mama hat gesagt: "Wir haben kein Geld. Fragt Papa." Und Papa hat gekauft.

Aber dann musste das Ingenieursbüro schließen, und ich wurde arbeitslos. Vom Arbeitsamt kam keine Hilfe. Doch es kam nur kurz darauf noch dicker: Der Vermieter kündigte mir die Wohnung. Und egal, wo ich hinkam, immer hieß es: "Sie haben keinen Job? Dann haben wir für sie auch keine Wohnung. Es war zum Verzweifeln. Meine Frau überzog mich mit Klagen auf mehr Unterhalt. Und mein Anwalt? Er stimmte allem zu. Ich habe erst später erfahren, dass er eigentlich der Grund für die Scheidung war. Meine Frau - meine Exfrau - war schon seit fast zwei Jahren mit ihm zusammen. Sie hatten sich das alles ausgedacht, und ich Schaf habe nichts gemerkt und alles mit mir machen lassen."

Einen kurzen Moment saß er einfach nur versonnen da. Er schien weit weg zu sein, und ich wartete.

"Ich konnte die Kosten für das Pferd meiner Tochter nicht mehr bezahlen", erzählte er dann weiter. "Meine Frau und ihr Neuer hätten es gekonnt, aber es war ja ihr Plan mich auflaufen zu lassen. Das Pferd wurde verkauft. Bring das mal deinem Kind bei. Eines Abends ging ich in eine Kneipe, wollte mich einfach nur betrinken. Da traf ich Hans. Er war damals schon einige Jahre auf der Straße. Wir kamen ins Gespräch. Dann sagte er: "Du kannst erst mal für ein paar Tage in einer Obdachlosenunterkunft schlafen. Oder du machst es wie ich: Pack das Wichtigste zusammen, das du hast und komm mit mir mit. Wir gehen in eine andere Stadt. Soll deine Familie doch sehen, wie sie ohne dich klar kommt." Ich habe nicht lange nachgedacht. Ich packte mir eine Tasche mit ein paar Klamotten und dem Wertvollsten, dass ich hatte. Am nächsten Tag sind Hans und ich in eine andere Stadt gezogen. Seitdem lebe ich auf der Straße. Von Hans habe ich das Überleben gelernt. Jetzt habe ich Nichts mehr, aber dafür eine Menge ZEIT. Verrückt, oder?"

Er lächelte mich wieder an. "Was war das Wertvollste, das du hattest?" fragte ich ihn. Er bückte sich zu seiner Tasche hinab und zog ein dickes Paket heraus. Vorsichtig holte er daraus eine Schneekugel hervor. "Die hat mir meine Tochter geschenkt, als sie gerade in die Schule kam", erzählte Frank. "Was machen deine Kinder jetzt?" Nachdenklich blickte Frank auf, dann sagte er leise: "Meine Tochter macht noch ihr Arztstudium, mein Sohn ist ausgebildeter Lehrer in Festanstellung. Aus ihnen ist was geworden."

In seinem Gesicht sah ich Stolz, aber auch großen Schmerz. In diesem Moment setzt sich ein junger Mann zu uns. Er stellte sich nur kurz als "Harit" vor, und wandte sich dann an Frank. "Hast du noch Kontakt zu ihnen?". Frank sah ihn an, dann schüttelte er traurig den Kopf. "Das Letzte, was ich von ihnen hörte waren die Worte: 'Alter, hau ab, So was wie dich sollte man wegsperren.' Alles vergessen, was ich für sie getan habe. Als hätte ich nie existiert."

Harit sah ihn mitleidig an. "Da geht es mir noch richtig gut", meinte er dann nur. "Ich bin jetzt 30 Jahre, lebe seit 26 Jahren hier in diesem Land. Ich war hier im Kindergarten, bin hier zur Schule gegangen, habe meine Ausbildung gemacht und einen guten Job. Doch meine Eltern waren nur geduldet. Jetzt ist endlich Frieden in der Heimat meiner Eltern. Doch nun heißt es, dass wir abgeschoben werden. Du hast eine Ausbildung, heißt es. Tu was für dein Land. Helfe beim Aufbau. Zurück in ein Land, das ich nicht kenne. Und jeder Einspruch war vergebens. Wir - Nein, ich warte nur darauf, dass sie mich holen."

Frank sah ihn nachdenklich an. "Warum kommst du nicht mit mir mit?" fragte er. "Dann müssen sie dich erst finden." Harit zuckte mit den Schultern. "Wo ist der Unterschied? Ob ich jetzt weg muss, oder in drei Monaten."

"Dann lieber gleich", hörte ich Jemanden hinter uns laut ausrufen. "Sowas wie euch sollte man gar nicht auf die Straße lassen. Ihr seid einfach nur peinlich für unser Land."

Ich wollte aufstehen und diesen jungen Mann zurechtweisen, da legte Frank seine Hand auf meinen Arm, sah mich an und schüttelte den Kopf. Als ich wieder zu dem jungen Mann sehen wollte, war der schon weitergegangen. "Warum hast du mich aufgehalten?" fragte ich Frank. Der sah mir traurig in die Augen. "Du kannst diesen Jungen nicht ändern. Ich weiß das", meinte er leise.

"Wieso?" fragte auch Harit. "Man sollte es doch wenigstens versuchen." Wieder schüttelte Frank den Kopf. "Das habe ich oft genug. Dieser junge Mann ist mein Sohn."

Frank stand auf. "Gib mir deine Adresse", bat er mich. Ich schrieb sie ihm auf. Er steckte sie in seine Jacke. "Danke für die Brötchen, den Kaffee und deine Zeit." Dann drehte er sich um und ging. Auch Harit verabschiedete sich. Ich glaubte daran, nie wieder etwas von ihnen zu hören.

Und doch erfuhr ich genug. Harit wurde nur drei Wochen nach unserem Kennenlernen abgeschoben, in ein Land, das er nicht mehr kannte und das nie seine Heimat war.

Von Frank habe ich lange nichts gehört. Das Treffen mit ihm ist jetzt über ein Jahr her. Ich sitze wieder vor der Bäckerei und denke an ihn. Heute bekam ich ein Paket ohne Absender. Als ich es öffnete, fand ich eine sorgsam eingepackte Schneekugel darin. Und eine Nachricht: "Ich fand diese Adresse in Franks Jacke. Wir haben ihn heute auf dem Armenfriedhof beigesetzt. Er hätte gewollt, dass sein wertvollster Besitz in gute Hände kommt. Hans"
Ich hatte diese Kugel auf dem Tisch stehen, da kam plötzlich eine junge Frau auf mich zu. "So eine Kugel habe ich als Kind mal meinem Vater geschenkt", sagte sie leise. "Frank?" fragte ich nur. Sie nickte.

Tränen standen in ihren Augen. "Ich vermisse ihn", meinte sie. "Dafür ist es jetzt zu spät", sagte ich nur. "Frank wurde heute beerdigt. Wo warst du, als er dich gebraucht hatte?" Sie sah mich an, dann senkt sie ihren Blick. "Ich habe mich für ihn geschämt", erklärte sie leise. "Und dabei habe ich vergessen, was er alles für mich getan hat. Und das er doch mein Vater war, der mich immer geliebt hat. Und dass das Leben nicht unendlich ist." Sie weinte still vor sich hin. "An Franks Liebe gibt es keinen Zweifel", versuchte ich sie zu beruhigen. Ich gab ihr die Kugel in die Hand. "Sein wertvollster Besitz. Er wollte, das er in gute Hände kommt. Pass gut darauf auf." Ich lächelte sie an, drehte mich um und ging.

Das Leben ist nicht unendlich. Und wir können nichts nachholen, was wir durch Dummheit oder falschen Stolz weggeschmissen haben. Das habe ich durch Frank und seine Erzählung gelernt. Doch die Liebe ist das Einzige, was über den Tod hinaus noch Bedeutung hat.

Pass gut auf dich auf, Frank.

© SL-Süd-Online 2018