Eine andere Blickweise

05.10.2018

SPR

Wenn Menschen sich einen Gegenstand ansehen, sehen alle das Gleiche. Doch betrachten sie einen fremden Menschen, ist der für jeden anders. In der heutigen Zeit ist diese Blickweise leider sehr oft negativ, besonders, wenn es um Menschen geht, die nicht dem alten Bild entsprechen.

Dabei sind sie nicht anders als wir. Ein Satz, der mich seit meiner Jugend begleitet. Und der leider nur allzu oft aus Verzweiflung ausgesprochen wird. Dazu hier ein paar Beispiele aus eigener Erfahrung:

1. Behinderte

Seit ich denken kann, arbeitete meine Mutter immer im Büro einer Behindertenanstalt oder eines Behindertenheimes. Bei besonderen Gelegenheiten bin ich mit gewesen und so schon

sehr früh mit Behinderten in Berührung gekommen. Eines Tages wartete ich vor dem Gebäude auf meine Mutter. Da bat mich ein junger Mann im Rollstuhl ihm die Tür zu öffnen. Ich ließ ihn ein und wollte die Tür wieder schließen, da meinte er, ich solle mich doch ruhig mit zu ihm und seinen Freunden setzen. Draußen wäre es doch viel zu kalt zum Warten. Also setzte ich mich dazu. Ich erfuhr, dass er Anfang 20 war. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ihm passiert war, nur soviel: Ein Unfall in seiner Kindheit war Schuld dran, dass er körperlich und geistig stark behindert war. Ich war damals ungefähr 15 Jahre, und als ich ihn ansah, wurde mir bewusst, dass dieser junge Mann mit dem wunderschönen Gesicht niemals eine Wochenendparty feiern, in der Disco tanzen oder flirten würde. Alles das, was gerade in dem Alter besonders interessant war. Auf einmal fragte mich eine ältere Frau: "Was denkst du eigentlich, wenn du uns auf der Straße begegnest? Bist du auch der Meinung wie viele andere, die uns ins Gesicht sagen ' Sowas wie euch gehört in die Gaskammer. Dann stört ihr wenigstes nicht' " Ich sah sie fassungslos an. "Ich weiß nicht, wie ich mich dann verhalten soll", war meine Antwort. "Hingucken oder wegsehen?" Sie lachte: "Wenn du an uns vorbeigehst, dann schenk uns ein Lächeln Das tust du doch bei gesunden Menschen auch. Und wir sind nicht anders als ihr."

2. Dicke

Auf dem Weg zur Arbeit sah ich eine sehr füllige Frau, die gerade schimpfend zwei Schüler fortjagte. Ich blieb stehen und fragte: "Alles in Ordnung?" Sie sah mich mit Tränen in den Augen an: "Wo ist der Respekt gegenüber anderen Menschen geblieben? Statt mir zu helfen beschimpft man mich mit den Worten 'fette Sau' und 'Schlachtvieh'. Dabei weiß keiner, warum ich so dick bin. Und ich bin doch nicht anders als ihr."

3. Homosexuelle

Mein Bruder erzählte mir eines Tages dass er homosexuell sei. Ich war Anfang der 2000der Jahre die letzte in der Familie, die das erfuhr. Er hatte Angst, ich könnte ihn abweisen. Meine Antwort war damals: "Du warst und bleibst mein Bruder. Daran ändert sich deshalb doch nichts. Erst recht nicht zwischen uns." Zwei Tage später stand er unangemeldet mit seinem Freund vor unserer Haustür um uns bekanntzumachen. Die Beiden baten mich vorsichtig zu sein, wenn ich mit Irgendjemanden darüber reden würde. "Wieso?" fragte ich. "Ihr seid doch nicht die Einzigen." "Nein", erwiderte mein Bruder. " Und wir sind auch nicht anders als andere. Aber die Zeit ist noch nicht bereit dafür, und oft leiden dann auch die Angehörigen darunter. Das möchten wir dir ersparen." Aber von dem Moment an, in dem sie in der Tür standen, hatte ich zwei Brüder. Und über viele Jahre einen Vertrauten und Freund, wie man ihn vielleicht nur einmal im Leben findet. Erst nach dem Tod meines Bruders wurde dieses Vertrauen und die Freundschaft zerstört.

Die Zeit ist noch nicht reif dafür - doch, die Zeit ist es schon lange. Nur die Menschen sind es nicht.

4.Ausländer

Als meine Tochter in der Grundschule war, bekam sie zwei türkische Kinder als Mitschüler. Beide sprachen gutes Deutsch, genau wie die Eltern auch und freundeten sich schnell mit ihr an. Eines Tages wollte sie zum Spielen zu ihnen. Ich brachte sie hin, stellte mich vor und wollte eigentlich gleich wieder gehen. Aber das wurde nichts. "Wir haben extra gebacken. Kaffee und Tee ist auch schon fertig. Wir freuen uns doch, wenn mal Jemand mit uns redet, wenn wir schon hier einquartiert werden. Da sind wir nicht anders als ihr." Ich blieb also. Und als ich wieder nach Hause fuhr, konnte ich meine Tochter gleich wieder mitnehmen. Es war ein sehr schöner Nachmittag.

"Wir sind nicht anders als ihr." Gerade in der heutigen Zeit müsste dieser Satz hinausgeschrien werden. Jeder Mensch ist ein Individuum. Es gibt keine zwei Menschen, die sich 100 %ig gleichen. In dem Falle ist jeder Mensch anders.

Trotzdem ist der Satz "wir sind nicht anders" richtig. Keiner will von den Anderen vorgeschrieben bekommen, wie er zu leben hat. Denn jeder Mensch, ohne Ausnahme, wünscht mit Respekt, Toleranz und Verständnis behandelt zu werden.

Sich die Zeit nehmen um einen Menschen kennenzulernen, mit ihm zu reden und ihm vor allen Dingen zuhören, versuchen ihn zu verstehen und ihn akzeptieren, wie er ist - und dabei in sich selbst hineinhorchen um seine Gefühle und Gedanken zu ergründen und mit dem Neuen in Einklang zu bringen, dass ist der erste und wichtigste Schritt zu Respekt, Toleranz und Verständnis für ein gutes Miteinander.

"Wir sind nicht anders" - wir sind alle Menschen auf der gleichen Erde. Meine Blickweise hat sich geändert. Ich möchte hinter die Fassade eines Menschen schauen und ihn kennenlernen. Erst wenn ich ihn kenne kann ich entscheiden, ob er ein Freund oder einfach "nur" ein Bekannter von mir wird. Dabei spielt es für mich keine Rolle, wer, was, wie oder woher er ist. Nur eines muss er sein - EHRLICH.

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