Momente

12.10.2018

SPR

Vor einigen Tagen las ich bei Facebook diesen Spruch:

Manchmal braucht man einen Moment der Stille um wieder das Wesentliche zu hören.

Einen Moment mit geschlossenen Augen um wieder klar zu sehen.

Einen Moment auf das Herz hören um das Leben zu spüren.

Einen Moment des Rückzugs um wieder stark zu werden.

Im ersten Moment hab ich mir gesagt: "Ist doch alles klar." Aber ist es das wirklich? Wann haben Sie sich zuletzt hingesetzt um einen Moment Kraft zu tanken?

"Dazu habe ich keine Zeit", höre ich Sie sagen. Zugegeben: In unserer leistungsabhängigen Welt gibt es keine Zeit zum Nichtstun. Das ist so nicht vorgesehen. Aber stimmt das wirklich?

Als meine 3 (heute erwachsenen) Kinder klein waren, da waren sie noch richtig "Kind". Morgens Schule, danach Hausaufgaben und dann ab zum Spielen. Wenn das Wetter gut war, dann natürlich draußen. Die Drei kennen noch geplatzte Bälle, kaputte Fahrräder und vor allem aufgeschürfte Knie. Auch der Geschmack von Sand war ihnen nicht fremd. Natürlich haben sie auch die digitale Welt ausprobiert, doch das waren nur kurze Phasen. Draußen war es eben schöner. Vor allem im Sommer. Zeit zum Spielen hatten sie immer.

Und gleichwohl ich nie irgendeinen Druck ausgeübt habe, und sie auch ihre Jugend-Rabauken-Zeit ausgekostet haben, haben die drei dennoch, oder gerade deshalb, heute Meisterbriefe und ein Ingenieurs-Diplom in Ihren Lebensläufen verzeichnet.....das nur vorab......

Nur eine halbe Generation später sah es aber schon anders aus. Der Sohn unserer Nachbarin hatte einen ganz anderen Tagesablauf. Morgens Schule, dann Hausaufgaben und am Nachmittag entweder zum Sport oder zum Englischunterricht (er war damals in der 2. Klasse). Spielen? Ach ja, vielleicht mal am Wochenende.

Seit dieser Zeit habe ich viele Eltern kennengelernt, die für ihre Kinder immer einen vollen Tagesplan hatten: Sport, Musik, Fremdsprachen, Nachhilfe usw. Schon damals taten mir die Kinder leid, vor allem, wenn ich dann gehört habe, dass ein Elternteil auch noch zu Hause war.

Wenn ich weiter denke, ist genau das jetzt die Generation, die auch in der Arbeitswelt voll im Leistungsdruck gefangen ist. Zeit für eine Momentaufnahme von sich und für sich.

Einen Moment der Stille um wieder das Wesentliche zu hören: seien wir ehrlich, richtig zuhören haben die meisten von uns doch schon längst verlernt. Ist es nicht an der Zeit das mal wieder zu ändern? Sollten wir nicht endlich mal wieder hören und verstehen?

Einen Moment mit geschlossenen Augen um wieder klar zu sehen: Wann haben Sie zuletzt richtig hingesehen? Wann ist Ihnen z. B. Aufgefallen, dass es einem Freund oder einem Nachbarn schlecht geht? Wenn wir nicht zuhören und nicht sehen, wie können wir dann wirklich für unsere Freunde da sein?

Einen Moment auf das Herz hören um das Leben zu spüren: Aufstehen, Arbeit, Familie, Sport - das ist Leben, oder? Wie wäre es denn damit: Einen Moment in aller Ruhe sich mal nur um sich selbst zu kümmern, ohne jede Verpflichtung. Einen Moment spüren - das Leben ist schön, wenn man sich auch mal für sich selbst die Zeit und die Ruhe nimmt.

Und dann rutschen wir ganz automatisch auch in einen weiteren Moment: Den Moment des Rückzugs um wieder stark zu werden. Stark zum Hinsehen, stark zum Zuhören, stark für sich und für Andere.

Versuchen sie es mal. Man braucht dafür keine Ewigkeit. Jeden Tag einen kleinen Moment, das würde schon reichen. Setzen Sie sich hin, hören Sie in sich hinein. Genießen Sie den Moment und werden Sie wieder sie selbst. Ihre Freunde werden es Ihnen danken.

© SL-Süd-Online 2018