Patientenverfügung aus dem Blickwinkel der Angehörigen betrachtet

07.10.2018

PvH

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsvollmacht. Wir alle hören diese Begriffe nicht gern und verschieben es gerne diese Dinge zu regeln. Zweifellos fällt es niemandem leicht sich der eigenen Endlichkeit zu stellen. Es gibt nun auch bei diesem Thema, wie so oft im Leben, zwei Seiten der Medaille....nämlich die Angehörigen die den Willen des Betroffenen durchsetzen müssen - im Zweifelsfall gegen ihre eigene Überzeugung.

Ich möchte Ihnen von einer Geschichte aus meiner eigenen Familie erzählen. Vor ein paar Jahren erlitt mein Schwager (Jahrgang 1948) eines Morgen eine Hirnblutung, welche die schwerste Form eines Schlaganfalls darstellt. Und obwohl meine Schwester damals sehr schnell reagierte und er innerhalb kürzester Zeit in die Uni-Klinik Lübeck eingeliefert wurde, hatten die Ärzte wenig Hoffnung dass er überhaupt überleben würde. Das hing damit zusammen dass das Stammhirn von der Hirnblutung betroffen war. Nach ca. 1 Woche war die Einschätzung der Ärzte nahezu eindeutig. "Wir geben ihrem Mann noch 2, maximal 3 Monate, wenn Sie eine Patientenverfügung haben, könnten wir die Zeit verkürzen," bekam meine Schwester zu hören.

In der Tat lag eine PV vor, in der mein Schwager in der Tat jegliche lebensverlängernden Maßnahmen untersagt hatte und meine Schwester hätte sich von Gesetzes wegen daran halten müssen - hat sie aber nicht. Sie hatte einfach nicht die Kraft den Mann der für sie die Liebe ihres Lebens war, aufzugeben.

Viele Gespräche innerhalb der Familie und ebenso viele schlaflose Nächte waren die Folge und meine Schwester ist seinerzeit an der Belastung die ihr von ihrem Mann mit dieser PV aufgebürdet wurde, fast zerbrochen.

Diese Ereignisse sind heute ziemlich genau 3 Jahre her. Mein Schwager hat überlebt, hat keinerlei geistigen Schäden davon getragen und kann durch eine sehr intensive Reha inzwischen sogar wieder einige Schritte selbstständig gehen. Natürlich hat sich das Leben der beiden komplett verändert. Die Wohnung musste umgebaut und viele Dinge mussten neu gelernt werden. So auch der Umgang mit dem Rollstuhl, Hilfe beim Anziehen und einiges mehr.

Aber von diesen Einschränkungen abgesehen führen die Beiden ihr gemeinsames Leben fort. Dieses gemeinsame Leben ist zwar ein anderes als das vorherige, aber sie haben ihren Weg gefunden und das nur, weil meine Schwester vor 3 Jahren den unglaublichen Mut hatte, sich über die vorliegende PV hinwegzusetzen, weil sie an ihren Mann geglaubt hat.

Deshalb haben meine Frau und ich uns auch gegen eine PV entschieden und statt dessen gegenseitige Vorsorgevollmachten aufgesetzt, denn damit hat der derjenige der im Zweifelsfall Entscheidungen treffen muss, einen größeren Spielraum ohne sich, im Zweifelsfall, gleich gegen den Wunsch des Betreffenden entscheiden zu müssen.

Es ist in der Tat ein schwieriges Thema welches auch jeder Mensch mit sich selbst ausmachen muss..... aber niemand sollte die Angehörigen vergessen, die im Zweifelsfall eine unglaubliche Last damit haben, die eigenen Entscheidungen durch zu setzen.

Das haben meine Familie und ich auch gemerkt als unsere Mutter (Jahrgang 1926) nach einer schweren OP, vom Krebs zerfressen, wochenlang im Koma lag. Wir haben, nach Rücksprache mit den Ärzten und in deren Beisein, im Rahmen einer vorliegenden Vorsorgevollmacht, damals die Geräte selbst abgeschaltet und Mama gehen lassen.....

Wie gesagt....ein schwieriges Thema dem sich niemand verschließen sollte

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