Paul van Hoff - „Die Katze muss zum Arzt“

16.06.2018

Paul van Hoff - "Die Katze muss zum Arzt"

Wochenende, endlich wieder Wochenende. Meine Frau und ich hatten eine wirklich anstrengende Woche gehabt. Wochenende. Ich war dabei in unserem schönen großen Wintergarten das Frühstück vor zu bereiten, meine Frau stand noch unter Dusche, der Kaffee lief durch die Maschine und die frisch gebackenen Sauerteigbrötchen, die ich vor einigen Minuten vom Bäcker, eine Straße weiter, geholt hatte, erfüllten die ganze Wohnung mit ihrem herrlichen Duft.

Herz was willst Du mehr? Ich öffnete die Außentür des Wintergartens und ließ die frische Frühlingsluft hinein....sie vermischte sich nach einigen Sekunden mit dem Parfüm meiner Frau, die gerade aus dem Bad kam, sich hinter mich stellte und mich liebevoll umarmte. Nach dem Austausch einiger partnerschaftlicher Zärtlichkeiten, die um diese Uhrzeit jedoch jugendfrei waren, setzten wir uns und machten uns über das Frühstück her.

"Schatz, was wollen wir denn heute schönes machen? Spaziergang am Strand? Was meinst Du?" "Liebling," sie holte tief Luft. "Liebling, wir haben nachher noch einen Termin"

Aha.....so so.....ich überlegte....aber scheinbar hatte ich wohl etwas vergessen. "So? Was denn?" "Liebling, die Katze muss zum Arzt....der Impftermin steht an. Um 11 Uhr 30 müssen wir bei Dr. Schneidereit sein.

Aha....so so.....jetzt wusste ich dass ich nichts vergessen sondern aus Selbstschutz verdrängt hatte. In meinem Innersten zog sich alles zusammen. Der Tag hatte so schön angefangen. Jetzt wanderte mein Blick unwillkürlich ins Wohnzimmer und blieb an der Gardine des großen, bis zum Boden reichenden Fensters hängen. Die war ziemlich neu. Angeschafft nach dem letzten Tierarztbesuch. Meine Augen bissen sich jetzt am neuen Sofa fest. Auch angeschafft nach dem letzten ....... . An jenem Tag .....also Stichwort "bissen sich fest"......naja... Der Tag hatte doch so schön angefangen.

Meine Frau begann den Frühstückstisch abzuräumen. Ich hielt meine Kaffeetasse und die Kanne jedoch fest. "Du trinkst doch sonst auch nur eine Tasse?" sah sie mich fragend an. Da hatte sie wohl Recht, aber gerade jetzt hatte ich das Bedürfnis die ruhige Stimmung des Augenblicks noch etwas fest zu halten. Oder nein.....ich wollte noch etwas länger die körperliche Unversehrtheit genießen und mich meiner guten Gesundheit erfreuen....ja so war es.

"Schatz, gönne mir bitte diese paar Minuten, ich hole gleich den Transportkorb aus dem Keller." "Brauchst Du nicht, der steht schon im kleinen Zimmer, ich ziehe mich dann schon mal um." "Ok, lass Dir Zeit, ich rauche gleich noch ne Pfeife im Garten." Ich stand auf, ging zum Schrank der im Wintergarten stand, griff nach Tabak, Pfeife, Streichhölzern sowie nach meinem Kaffee, ging raus in den Garten auf unsere kleine Terrasse und setzte mich auf einen Baumstumpf der letztes Jahr von einer gefällten Tanne im Boden gelassen wurde.

Die Sonne hatte, für diese Jahreszeit, bereits sehr viel Kraft so dass ich in meinem kurzärmeligen Hemd nicht fror. Beim Stopfen meiner Pfeife sah ich auf meine Unterarme...... ich bin ganz bestimmt nicht eitel aber in diesem Moment freute ich mich über die, vom Solarium im Winter ganz leicht gebräunte Haut. Kein einziger Kratzer war zu sehen. Ich ließ meine Gedanken kreisen.

Die Katze musste zum Arzt. Ok.....der Transportkorb stand schon bereit. Oben drauf lagen ein paar Gartenhandschuhe die ich mir gerade für solche Tierarztbesuche besorgt hatte. Ich schaute nach Minka, so hieß unsere 12 Jahre alte Katze die ich vor einiger Zeit mit in unsere Beziehung gebracht hatte. Minka war das was man eine Traumkatze nannte. Sie war verschmust ohne Ende, sie suchte ständig unsere Nähe und sie sprach sehr häufig mit uns, also so wie man sich das von einer Katze eben vorstellt. "Miez miez, maunz maunz" Wenn wir es uns ab und an mal gemeinsam in unserer Badewanne gemütlich gemacht hatten, stand sie regelmäßig stundenlang vor der Badezimmertür und wartete auf uns.

Ansonsten war sie eher behäbig, ja sie hatte es noch nicht nötig sich zu erheben wenn meine Frau und ich von der Arbeit nach oder von Ausflügen nach Hause kamen. Ihr Blick signalisierte dann eine abgrundtiefe Gelassenheit so als wollte sie sagen "Kannst mir ja nachher mal ne Email schicken."

Aber.......tja....aber sobald der Transportkorb zu sehen, oder wohl auch nur von ihr sonst wie wahrgenommen wurde, entwickelte diese nicht mehr ganz junge und ca. 8 kg schwere Katze eine Energie und Kraft die mich an eine Wildsau auf Ecstasy erinnerten. Vor allem aber war es vorbei mit der Nähe.....sie war einfach weg und nicht, mehr zu finden .... weg. Auch auf gute Zurufe reagierte sie nicht. "Sie sitzt auf dem Stuhl unterm Esstisch." rief meine Frau. Dieser Esstisch stand in unserer sehr großen Diele. Na, dann hatten wir sie ja.....was sollte da noch passieren? Wir sollten sehr bald merken was noch passieren könnte, zu Mal wir vergessen hatten die Türen von Schlafzimmer, Wohnzimmer und kleinem Zimmer, die alle von Diele abgingen, nicht geschlossen hatten.

"Abging" war das richtige Wort. Als ich kniender Weise nach ihr greifen wollte, ging Minka richtig ab. Minka flog geradezu vom Stuhl auf direktem Weg in unser Wohnzimmer.

Ich hatte mir einige Wochen zuvor so einen kleinen, ferngesteuerten Hubschrauber gekauft den ich den Winter über im Wohnzimmer und im Wintergarten fliegen ließ. Der war sehr schnell und extrem wendig zu fliegen.

In diesem Moment wünschte ich mir auch für Minka ne Fernsteuerung. Sie fegte über den Wohnzimmertisch, rüber auf den Fernseher, und als dieser Flachbildschirm bedenklich wackelte wurde sie zuletzt auf dem klappbaren Fernsehsessel gesehen. Meine Frau und ich sahen uns an. "Ok, ich hole den Eimer und nen Lappen, Du machst alle Türen hier zu." Den Eimer brauchte ich um die Scherben von der Karaffe ein zu sammeln, die wir dummer Weise am Vorabend auf dem Wohnzimmertisch stehen gelassen hatten. Der Lappen war für den halben Liter sehr lieblichen Rot-Wein zuständig der sich in der Folge auf dem weißen Hirtenteppich unter dem Tisch verteilt hatte.

"Hier ist sie," rief meine Frau als sie Minka unter dem Sofa kauernd entdeckt hatte. Das wiederum nahm Minka zu Anlass an der Rückwand der Sofas hoch zu klettern und sich um die kleine Sammlung meiner selbst gebauten Plastikschiffchen zu kümmern, die auf einem Regal nicht weit davon entfernt seit langer Zeit ungestört gestanden hatten. In einem Rutsch fanden die Schlachtschiffe Bismarck, Tirpitz, HMS Nelson, sowie der kleine Kreuzer Emden und die gute alte Titanic ihr jähes Ende auf dem Laminat des Wohnzimmers.

Jetzt hatte Minka einen Fehler gemacht denn sie wollte direkt an mir vorbei aus dem Wohnzimmer rennen. Reflexartig griff ich zu. "Ich hab sie" zugegeben war es nicht wirklich fair, aber ich hatte Minka gepackt, mich, mit meinen 120 kg, einfach auf sie drauf gesetzt und hielt mit einer Hand ihr Köpfchen fest......was ein Fehler war. Sie biss wie wild um sich und erwischte mich am rechten Arm.

"Schatz, wo ist mein Impfausweis?" "Wieso Deiner?" "Weil ich dringend ne Tetanus-Auffrischung brauche...." "Heute ist Samstag, da haben die Ärzte zu." Minka hatte mich inzwischen auch mit einer Pfote am anderen arm erwischt. "Dann müssen wir nachher noch in die UNI-Klinik, hab keine Lust wegen diesem Tier zu sterben." rief ich laut, weil Minka mir inzwischen wieder entwischt war.

Sie wollte aus dem Wohnzimmer raus, und knallte gegen die inzwischen verschlossene, gläserne Doppeltür, wodurch die aufsprang und ihr den Weg frei machte. Sie konnte ja nicht wirklich weit kommen, denn alle anderen Türen waren ja inzwischen verschlossen. Ich wollte die gläserne Doppeltür verschließen, was jedoch nicht gelang, weil Minka eine der Türen aus dem Scharnier geschossen hatte.

Da .....ein Schatten zwischen meinen Beinen. Die Katze rannte wieder von der Diele zurück ins Wohnzimmer, sprang auf den Fernsehsessel und von da aus in die Gardine, welche sich jetzt langsam dem Boden näherte, weil das Gardinenbrett ganz langsam nachgab.

Minka drehte ihr Köpfchen, sah mich mit ganz großen Augen an und hielt sich mit einer Art Schockstarre weiterhin an der Gardine fest.

Das Geräusch, mit dem das Gardinenbrett aus der Halterung fiel, auf den Boden krachte, und dabei auch noch den wackeligen Flachbildschirm umwarf, und letztendlich unsere Katze unter der zusammen geknäulten Gardine begraben hat......dieses Geräusch werde ich nie vergessen. Ich habe dann das gesamte Gardinengewusel samt Katze in den Transportkorb geschoben und Minka dann zusammen mit Dr. Schneidereit in seinem Behandlungszimmer wieder ausgepackt.

"Interessante Transportmöglichkeit" meinte dieser ganz trocken. Dann sah er meine Unterarme. "Oh, damit sollten sie noch mal zum Kollegen fahren, ich habe leider keine Tetanusspritzen." Danke....genau das wollte ich an diesem Samstag hören.

Nach dem Tierarzt-Besuch setzte ich Minka und meine Frau zu Hause ab und fuhr noch in den Baumarkt um dort ein neues Gardinenbrett und neue Scharniere für die Wohnzimmertür zu kaufen. In der Zeit wollte meine Frau noch im Internet nach einem neuen Sofa schauen....

"Guten Morgen Herr Nachbar....na? Schmeckt die Pfeife?" Die Worte meines Nachbarn zerrten mich aus meinen Gedanken. Ich muss ihn wohl etwas verstört angesehen haben. "Hey, Thommy, alles gut? Hab Deine Frau eben gesehen dass sie eure Katze ins Auto gepackt hat.....gehts wieder zum Tierarzt?"

Ich zog an meiner Pfeife und sah ihn an während meine Frau auf mich zu kam. Ich stammelte nur "Moin Manfred.... Ja Pfeife schmeckt und Tierarzt stimmt auch."

Meine Frau legte mir die Hand auf die Schulter und lachte "Hey Schatz, wo warst Du denn gerade?" Ich lächelte sie an während sie weiter redete "Ok, ....Du warst bei der Version Tierarztbesuch 1.0......heute ist aber Version 2.0 angesagt......" An Manfred gewandt sagte sie "Moin Manfred.....Danke Dir sehr für die Tropfen, haben super gewirkt.....die muss ich bei Thommy auch mal ausprobieren."

Erst als sie sagte "Minka ist schon im Auto, die Beruhigungstropfen für Katzen von Manfred haben wirklich gewirkt." da wusste ich dass ich heute nicht mehr zum Baumarkt und in die UNI-Klinik musste.


Diese Geschichte stammt aus dem Buch "Da lachen ja die Pferde" von Paul van Hoff.

Der Autor beschreibt in einer Reihe von heiteren Kurzgeschichten seinen Blick auf die Dinge die jedem von uns im Alltag passieren, wie die Wahl der "falschen" Kasse im Supermarkt....um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.

Das Buch ist inzwischen in der 3. Auflage unter der ISBN-13: 978-3745028911 Online, im Buchhandel und auch über unser Kontakformular zum Preis € 6,99 (Taschenbuch/96 Seiten) erhältlich

Co/by Redaktion SL-Süd-Online 2018