Schokolade hilft nicht – leben mit Depression

28.10.2018

PvH 

"Hey komm, nun reiß Dich doch mal zusammen, so schlimm kann das doch gar nicht sein,"....wie oft hab ich diese Worte schon gehört. Viel zu oft.....viel zu oft in den letzten 30 Jahren, in denen die Depression fester Bestandteil meines Lebens geworden ist. Ebenso oft hab ich an mir selbst gezweifelt. Bin ich vielleicht doch selbst daran Schuld, dass es mir immer wieder so beschissen geht? Hab ich was falsch gemacht und wenn ja, was hab ich falsch gemacht?

"Kein Wunder, dass es keine Frau mit Dir lange aushält," und "Du hast doch alles, was man zum Glücklichsein braucht." Ich kann inzwischen die Buchstaben dieser oder ähnlicher Sätze zählen, die ich immer wieder von meinem Umfeld zu hören bekam. Klar....ich hatte ein Haus ein Auto, ein tolles Hobby und einen krisensicheren Job....Herz was will man mehr?

Ich weiß gar nicht mehr, wann es gegen Ende der 1980ger Jahren genau anfing. Ich weiß wirklich nicht mehr, wann die grauen Wolken sich zum ersten Mal nicht mehr verzogen und wann ich begann, ein anderer Mensch zu werden. Ich weiß, nicht wann sich der Teil meines Lebens von mir verabschiedet hat, der früher beim Altstadtfest in Lübeck fröhlich auf der Straße getanzt hat. Ich habe keine Ahnung, wann sich der Teil von mir verabschiedet hat, der vor vielen Jahren die unendliche Geduld hatte an einem Schiffsmodell auch mal 2 Jahre zu basteln....keine Ahnung, wann dieser Teil von mir verloren ging.

Habe inzwischen auch meine Scheidung verdrängt. Aber den Tag, an dem ich vor einigen Jahren an meinem Auto die Sicherung vom Airbag gezogen habe ...nicht weil ich Selbstmordabsichten hatte, nein, die habe ich bis heute nicht. Aber damals wollte ich ich der Technik nicht den Raum geben im Zweifelsfall über mich entscheiden zu können. Dieses Datum hat sich bei mir eingebrannt. Kurze Zeit später ging ich in eine Tagesklinik um meine Depression behandeln zu lassen. Diese 8 Wochen haben zumindest dafür gesorgt dass ich besagte Sicherung wieder im Sicherungskasten meines Autos installierte. Auch mein Umfeld wurde hellhörig. Zumindest in den ersten Wochen nach der Therapie.

"Du warst doch jetzt in Behandlung, wieso bist Du denn schon wieder so schlecht drauf? Du macht es einem wirklich schwer mit Dir auszukommen....Man Altrechen, saufe Dir mal richtig einen an, und iss mehr Schokolade, das hilft" Diese absurden Worte hörte ich genau 3 Wochen später.

Ich begann nach und nach alle Kontakte einschlafen zu lassen. Ich hatte keine Lust mehr mich für meine Krankheit ständig entschuldigen zu müssen. Schlimmer noch, ich wünschte mir, in einem Rollstuhl zu sitzen......denn dann würde jeder sehen wie beschissen es mir geht.

Eine Depression sieht man einem Menschen nicht an. Menschen mit Depression entwickeln über Jahre ein Talent zur Schauspielerei....und das geht bis zu Perfektion.

Irgendwann folgte eine stationäre Reha. Ursprünglich für 4 Wochen geplant, sollte dieses Leben in einer Art Glocke 3 Monate dauern. Es waren 12 Wochen, in denen ich mich das erste Mal in meinem Leben von anderen Menschen verstanden fühlte. Endlich brauchte ich niemandem mehr eine Bedienungsanleitung für mich mich in die Hand zu drücken. Endlich hatte ich Menschen um mich herum, die mir beim Blick in meine Augen ansahen, wie ich mich fühlte. Doch irgendwann war dieses Leben in der Glocke vorbei, und wir alle mussten den Weg zurück ins reale Leben finden.

Das ist jetzt 8 Jahre her.

Von den 7 Mitpatienten, zu denen ich auch nach der Reha weiterhin Kontakt hatte, fanden 3 den Weg zurück in den Alltag. Die anderen 4 haben es nicht geschafft. Sie haben es nicht geschafft die Depression zu besiegen und gingen ihren eigenen Weg ins Regenbogenland.

Und ich selbst? Ich bin inzwischen das, was man "Aus therapiert" nennt und in "Frührente".

Ich mache täglich das, was jeder Mensch mit einer chronischen Krankheit machen muss. Ich versuche mich so gut es geht mit meiner Krankheit zu arrangieren.

Ich habe mein Leben auf den Kopf gestellt, und habe zum Glück eine Frau an meiner Seite, die mir so gut sie kann beisteht. Wir haben uns vor einigen Jahren, ganz klassisch übers Internet kennen gelernt und haben vor 2 Jahren unsere früheren Leben hinter uns gelassen und sind in eine andere Gegend gezogen um uns unser eigenes neues Leben ganz neu aufzubauen.

Aber "Sie" ist immer wieder für ein paar Wochen da......"Sie", meine Depression, und dann will ich am liebsten niemanden sehen oder hören. Und dann sind auch die Schuldgefühle wieder da....hab doch alles was ich brauche.......

Nein, ich habe keine Schuld und ich bin auch nicht schwach. Die Geschichte wiederholt sich, alle paar Monate........hoffentlich nicht........

Aber Schokolade hilft dabei wirklich nicht...

ABER es gibt immer ein Weg.....

Der Autor ist der Redaktion bekannt


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