Zeitvertreib im Wandel

09.05.2018

Zeitvertreib. Ich meine damit die Tätigkeiten, die man während seiner freien Zeit unternimmt um Spaß zu haben. Ich rede hier nicht von irgendwelchen großen Hobbys, sondern wie es in unserer Kindheit hieß, vom Spielen und Austoben. Unsere Kindheit? Ja, denn wir sind eine der mittleren Generationen und sehen jetzt unseren Kindern oder sogar schon Enkelkindern beim "Spielen" zu.

Die Arten des Zeitvertreibs haben sich im Laufe der Jahre ziemlich geändert. Haben wir früher als Kinder bei Wind und Wetter draußen gespielt, kann man sich heute freuen, wenn man überhaupt nochmal draußen Kinder sieht. Also: Was fesselt die Kids so sehr, dass sie lieber im Zimmer bleiben?

Wir müssen vorweg einmal sagen, dass diese Feststellung natürlich nicht generell und nicht für alle Kids gilt. Selbstverständlich gibt es auch heute noch draußen spielende Kinder. Ich höre sie hier bei uns oft im Nachbargarten. Trotzdem stelle ich mir die Frage, ist das nicht ab einem gewissen Alter auch vorbei?

Als meine Kinder noch klein waren, haben sie mich mal gefragt: "Mama, womit habt ihr denn früher gespielt, als es noch keine Spielekonsolen und Computer gab?" Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht wirklich, ob es damals schon Spielekonsolen gab. Ich brauchte keine. Im Sommer waren wir im Garten. Da gab es noch Spiele wie "Verstecken oder Gummitwist". Und natürlich unsere Fahrräder. Wir waren eigentlich ständig damit unterwegs. Kannten damals fast jeden Ort in der Stadt. Und zum Leidwesen der Eltern auch die Wälder. "Verlauft euch bloß nicht mal" hieß es dann immer. Verlaufen? Wir? Dafür kannten wir uns dort viel zu gut aus. Wir wussten damals auch genau, an welcher Stelle wir stehen mussten um kostenlos beim Motocross zusehen zu können. Das ist heute leider nicht mehr möglich. Ich habe es ausprobiert. Schade. Und es war damals auch keine Seltenheit, dass wir völlig durchnässt oder verdreckt nach Hause kamen. Wozu gab es denn Badewannen? Rollschuhe waren damals auch "In". Im Winter waren es Schlittschuhe oder Schlitten, die einem Dauertest unterzogen wurden. Aber damals waren Eis und Schnee im Winter auch zuverlässige Begleiter. Und manchmal sogar viel zu zuverlässig. Und Kindergeburtstage wurden in Garten oder Haus mit viel Lautstärke gefeiert. Manchmal mit so viel Lachen, dass die Nachbarn hinter dem Zaun standen und zusahen.

Doch bereits eine Generation später war eine große Veränderung spürbar. Ich habe drei Kinder, und mit jedem von ihnen habe ich die Kindergeburtstage bei uns im Garten oder im Haus gefeiert. Mit vielen Spielen und kleinen Preisen. Manchmal waren auch eine Schnitzeljagd oder eine kleine Olympiade angesagt. Dann gab es für alle eine kleine selbstgebastelte Medaille. Schon bei den Vorbereitungen hatten meine Kinder und ich viel Spaß, sofern meine Kinder überhaupt davon gewusst hatten. Denn es kann schon vor, dass ich sie damit überrascht habe. Bei den eingeladenen Kids kam immer eine riesige Freude auf, wenn sie zu uns durften. Und es kam nicht selten vor, dass sie nicht nach Hause wollten, weil sie so einen Spaß hatten.

Oft wurde ich dann von den Eltern gefragt: "Warum tust du dir sowas an? Da ist eine Geburtstagsfeier zum Beispiel bei McDonalds doch viel einfacher für uns Eltern." Klar ist das einfacher, aber hat das auch soviel Spaß gemacht? Im Laufe der Jahre habe ich feststellen müssen, dass Feiern im Schwimmbad, im Kino oder bei McDonalds immer öfter gemacht wurden. Es gab kaum noch Eltern, die sich selbst dem Stress eines Kindergeburtstages aussetzten. Und damit aber auch nie gespürt haben, wieviel Spaß damit verbunden war. Ich dagegen habe nie verstanden, was daran so schön war, seine Kinder einfach nur "abzugeben".

Und dann der tägliche Zeitvertreib der Kids. Wenn es nicht gerade Sport oder Musik war, wollten sie immer öfter am PC oder an der Spielekonsole sitzen, und dort mit Freunden zusammen spielen. Fahrrad fahren? Wenn`s unbedingt sein muss. Höchstens mal, wenn der Freund im Nachbardorf gewohnt und eine neues Nintendo-Spiel hatte. Dann kam sogar das Fahrrad zu Ehren. Natürlich nur, wenn "Taxi Mama" keine Zeit hatte (oder vielleicht einfach nur keine Lust?).

Ok. Im Winter wurde es dann etwas schwieriger. Eis und Schnee wurden zur Seltenheit. Schlittschuhe kamen noch ab und zu zum Einsatz, der Schlitten schon seltener. Also, was machen? PC an und schauen, ob man noch ein Spiel hat, das noch nicht durchgespielt war. So ein Spiel war manchmal nicht leicht zu finden. Und Streitereien waren auch vorprogrammiert, denn es gab nur einen PC im Haus. Also kamen die Kinder dann irgendwann auf die glorreiche Idee "Oma kann uns zu Weihnachten eine Spielekonsole schenken". Eine? Natürlich für jeden.

Und dann kamen die Handys. Damals noch ganz einfache. Doch Freunde waren plötzlich leichter erreichbar, selbst wenn sich Mama erlaubte auch mal zu telefonieren. Warum man das als Eltern alles mitgemacht hat? Selbst wenn man das nicht wollte, es gab da ja noch die Großeltern. Irgendeiner ließ sich immer um den Finger wickeln.

"Mama, wie habt ihr euch denn früher mit Freunden verständigt?" Ganz einfach, wir sind hingegangen. Und ansonsten gab es noch die Möglichkeit der Briefe. "Ihr habt Briefe geschrieben?" Ich glaube, entsetzter hatten meine Kinder mich noch nie angesehen. "Ja, und wir haben uns manchmal sogar extra Brieffreunde gesucht dafür." Im Nachhinein fällt mir auf, dass meine Kinder seit diesem Tag solche Fragen nicht mehr gestellt haben.

Und wenn ich mich heute auf der Straße nach den Kindern umsehe, die meine Enkelinder sein könnten, dann fällt mir sehr wohl auf, dass auch die Generation wieder einen anderen Zeitvertreib hat. Doch manchmal frage ich mich, ob man das Chatten im Sozialen Netzwerk oder das Handy unter Dauerfunktion wirklich als Zeitvertreib bezeichnen kann. Es sei hier noch einmal bemerkt, dass nicht alle Kids davon angesteckt sind. Aber ich gehe einfach mal von den nicht seltenen "Extremfällen" aus.

Gibt es denn wirklich nichts mehr, was die Kids außerhalb von PC, Spielekonsole und Handy noch interessieren kann? Oder gibt es einfach zu wenige Erwachsene, die sich noch die Mühe machen, das Interesse der Kinder zu wecken? Es gibt auf dieser Welt so viele verschiedene Dinge, man muss dazu nur die Augen einmal vom Handy erheben und sich umsehen.

Sicher, es gibt eine Menge Vereine in denen auch die Kinder unterkommen können. Doch aus Erfahrung als langes Mitglied in einem Seifenkistenverein weiß ich, dass diese Vereine auf die Hilfe der Eltern angewiesen sind. Und gerade das ist oftmals ein Problem. "Wir bringen euch die Kinder und holen sie wieder ab. Für alles Andere seid ihr zuständig." Nicht gerade eine seltene Aussage der Eltern. Aber leider auch der Untergang vieler Vereine, die sich mit Kindern befassen. Wie auch unser Seifenkistenverein. Die Eltern hatten keine Lust, während der Sommermonate alle 14 Tage an einem Sonntag mal um 7 Uhr aufzustehen und die Kinder zum Rennen zu begleiten. Damals haben wir als Verein uns extra einen großen Anhänger für die Seifenkisten gebaut, damit wenigstens dieses Transportproblem gelöst war. Leider hat das nichts geändert. Der Verein wurde mangels Kinder (oder eigentlich eher mangels Eltern) aufgelöst. Nach über 25 Jahren und einer Menge hineingesteckter Arbeit.

Und wir waren nicht die Einzigen. Das "Vereinssterben" ist damals erst angefangen. Gerade jetzt hat zum Beispiel das DRK Kropp seine Jugendsparte mangels Beteiligung auflösen müssen. Damals hat man uns gesagt: "Ihr müsst mehr für die Kinder tun." Aber das stimmt nur teilweise. Sicher gibt es auch Vereine, die irgendwie versäumt haben, dass sich die Jugend anders entwickelt hat und andere Herausforderungen braucht. Aber selbst die größten Mühen sind nutzlos, wenn die Eltern nicht dahinterstehen.

Und das gilt für ALLE Fälle. Für die Unterstützung der Vereine genauso, wie für den normalen Zeitvertreib. Zeitvertreib, wie ihn unsere Generation noch kennengelernt hat.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Erwachsene an ihre eigene Kindheit denken um die Kids an die Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, was man zum Beispiel in der Natur an Schönheiten sehen kann. Es gibt so viel zu entdecken. Für uns alle. Warum versuchen wir es nicht einfach gemeinsam?

Co/by Redaktion SL-Süd-Online 2018